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10.10.2018

Frankfurt und seine Buchmesse - eine Erfolgsgeschichte von Freiheit und Toleranz

Buchmesse im 'Haus des deutschen Kunsthandwerks' auf dem Messegelände, September 1951, © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, S7Z 1951/111, Foto: Wolfgang Voigt
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2. Teil: Phoenix aus der Asche

(ffm) Heute ist die Frankfurter Buchmesse die größte Bücherschau der Welt. Sie war es schon einmal, vor einem halben Jahrtausend. Vor siebzig Jahren kehrte sie an den Main zurück.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Frankfurt als wichtigste Drehscheibe des deutschen und europäischen Buchhandels von Leipzig abgelöst worden: Innerhalb von rund 200 Jahren hatte sich Leipzig zu einer Buchstadt entwickelt, wie es sie davor oder danach nie mehr gegeben hat. Nicht nur zahlreiche Großverlage und Druckbetriebe hatten sich dort angesiedelt. Vor allem verdichtete sich bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg dort das gesamte Verbandswesen des Buchhandels; im 1825 gegründeten Börsenverein konzentrierten sich dort zahlreiche Dienstleistungen eines hocheffizienten Systems der Buchhandels- und Buchhändlerorganisation, die jährlichen Abrechnungen zwischen Verlagen und Handel, die sich mit der Industrialisierung rapide verändernden Logistik und Distribution, die fast ausschließlich über Leipzig abgewickelt wurden und in ihren Grundzügen vielfach bis heute Bestand haben. Die Leipziger Buchmesse hatte sich von einer Verkaufsmesse für den Einzelhandel schon im 19. Jahrhundert in eine Mustermesse mit Abrechnungsterminen, Fachtagungen und Konferenzen verwandelt.

Die Pläne der Alliierten für Nachkriegsdeutschland sahen 1945 eine durchgreifende Transformation der deutschen Gesellschaft nach ihren eigenen politischen Leitbildern vor. Dabei war den gedruckten Medien, natürlich auch dem Buch, eine zentrale Rolle zugedacht. Nach zwölf Jahren Diktatur und Zensur sollten die Leser wieder Anschluss an die internationale Literatur gewinnen. Daher wurden sowohl die Texte der deutschen Exilautoren verbreitet als auch zahlreiche Werke zur Geschichte und Kultur der Alliierten übersetzt, um die Zerrbilder der NS-Propaganda zurechtzurücken.

Voraussetzung für eine Ankurbelung der Buchproduktion war neben der großzügigen Lizensierung und Zuteilung von Papier seitens der Besatzungsbehörden indes ein funktionierendes Verlags-, Druck- und Vertriebswesen. Rund drei Viertel alle Druckereien befanden sich in der Sowjetischen Besatzungszone, von den im Westen gelegenen war die Hälfte zerstört. Darüber hinaus sollte die Zentralisierung der Buchhandelsorganisation in Leipzig im Hinblick auf die anstehende Nachkriegsordnung Deutschlands aufgelöst und im Rhein-Main-Gebiet unter Kontrolle der Westmächte ein neuer Buchhandelsschwerpunkt geschaffen werden.

Erste Buchmesse nach dem Zweiten Weltkrieg in der Paulskirche, September 1949, © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, S7Z 1949/56
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Zwar war mit großen Teilen Thüringens und Sachsens auch Leipzig im Frühjahr 1945 zunächst von den Amerikanern besetzt worden, sollten aber dann der Sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen werden. Den US-Behörden blieben bis zum vereinbarten Abzugstermin Anfang Juli 1945 nur wenige Wochen, in denen sie aber eine Anzahl von Verlagen, vor allem aber den Börsenverein zur Gründung einer Filiale zunächst in Wiesbaden bewegen konnten, stellten dafür Transporthilfen sowie Möglichkeiten zum Vermögenstransfer zur Verfügung. Bereits im Oktober konnte das Börsenblatt wieder erscheinen, während die Buchhändler sich zunächst regional, 1948 dann in Frankfurt für die britisch-amerikanischen Bizone im „Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler“ organisieren durften, dem sich im Jahr darauf die Verbände der französischen Zone anschließen konnten. Seit 1955 „Börsenverein des deutschen Buchhandels“, gilt der Zusammenschluss als einer der effizientesten Standesvertretungen der Bundesrepublik.

Bereits in der ersten Nachkriegsausgabe des Börsenblatts wurde gefordert, jeder der neu lizensierten Verlage möge Abgabeexemplare für ein neuzugründendes Literaturarchiv bereitstellen. Mit Unterstützung des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt, deren Stadt- und Universitätsbibliothek die Verwaltung übernahm, nahm eine solche Sammelstelle im Herbst 1946 ihre Arbeit auf und übernahm die Funktion der Deutschen Bücherei in Leipzig. Im Jahr darauf lieferten auch die Verlage der französischen Zone, wenig später auch österreichische und schweizerische ihr Belegexemplare nach Frankfurt, wo der Umfang dieser Tätigkeit die Kräfte von Stadt und Land bald überstieg, sodass 1952 Organisation und Finanzierung gemeinsam mit dem Börsenverein und dem Bund die Deutsche Bibliothek in eine Stiftung des Öffentlichen Rechts überführt wurden.

Getrieben wurde die Entstehung eines neuen Buchhandelszentrums in Frankfurt als Alternative zu Leipzig nicht zuletzt durch die sukzessive, von willkürlichen Verhaftungen von Führungskräften in Verlagen und Verbänden begleitete Verstaatlichung des gesamten Buchgewerbes und ein scharfes Zensurwesen. Vor diesem Hintergrund konnte selbst die Abhaltung einer „Friedensbuchmesse“ in Leipzig 1947 den Exodus der Branche nicht aufhalten; bis 1951 hatten 364 Verlage zumeist mitsamt Fachkräften, Lizenzen und Autorenverträgen die DDR verlassen. Die Leipziger Buchmesse wurde in die allgemeine Frühjahrsmesse integriert, der Begriff „Buchstadt Leipzig“ sank zur inhaltslosen Propagandamarke herab.

Buchmesse in der Paulskirche, September 1950, © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, S7Z 1950/95, Foto: Wolfgang Voigt
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Frankfurt wusste seinen Startvorteil zu nutzen. Als Nebenveranstaltung zum 100. Jubiläum des Paulskirchenparlaments wurde im Mai 1948 eine Ausstellung „Bücherplatz Frankfurt“ organisiert, um vor allem gegenüber der Branche selbst die geographische Position der Stadt am Schnittpunkt der drei Westzonen als traditionsreicher wie neu entstehender Buchumschlagplatz ins rechte Licht zu rücken. Um den stagnierenden Buchabsatz in Schwung zu bringen, wurde für das Folgejahr eine wirkliche Publikumsmesse geplant, die im September 1949 rund 14.000 Besucher an die Stände der 200 Austellern in der Paulskirche und den benachbarten Römerhallen lockte. Dies war umso höher zu veranschlagen, als die Bedingungen in der noch schwer vom Krieg gezeichneten Stadt alles andere als ideal waren: Als „Rheumahallen“ verspottete der Münchner Verleger Ernst Heimeran die noch zugigen, weil fensterlosen, nur provisorisch überdachten Römerhallen im nur teilweise wiederaufgebauten Rathaus.

Bereits mit der zweiten Buchmesse 1950 begann die Internationalisierung der Bücherschau; drei Jahre später waren schon mehr aus- als inländische Aussteller vertreten. Die dritte Buchmesse 1951 auf dem Messegelände markiert die Geburtsstunde der Frankfurter Buchmesse in ihrer heutigen Form, nicht zuletzt auch durch deren kulturellen Höhepunkt und Abschluss mit der erstmaligen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Goethe-Preisträger von 1928 und späteren Ehrenbürger der Stadt, Albert Schweitzer, in der Paulskirche.

Insbesondere dem dadurch zum Ausdruck gebrachten klaren Bekenntnis zu Humanität und Völkerverständigung vor dem Hintergrund der Erfahrung des NS-Regimes, aber auch dem Engagement vieler im Exil zu Rang und Ansehen gelangter Persönlichkeiten in Literatur und Verlagswesen war es zu verdanken, dass Frankfurt bereits wenige Jahre nach dem Ende von Krieg und Nazi-Greul von der Völkergemeinschaft wieder als Plattform für die Welt der Bücher akzeptiert wurde. Am Ende kam die Buchmesse aus denselben Gründen nach Frankfurt zurück, aus denen sie einst von dort abgewandert war: ein günstiges wirtschaftliches Umfeld, eine moderne Infrastruktur, vor allem aber ein offenes politisches, gesellschaftliches und intellektuelles Klima, in dem frei gedacht, gesprochen, geschrieben und gedruckt werden konnte.